PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 29.09.2015
GIGANTEN DER MUSIK
Domsingknaben mit „Bach in Rokoko“

Von Gertrud Adlassing

Für viele Musikliebhaber ist es Jahr für Jahr einer der Höhepunkte im Kalender: das Festival „Bach in Rokoko", zu dem die Augsburger Domsingknaben in die Dominikus-Zimmermann-Frauenkirche nach Günzburg einladen, um durch mehrere Konzerte in Begeisterung zu versetzen. Auch im 13. Jahr nach der Gründung gelang es jetzt dem Festivalleiter Reinhard Kammler durch ein höchst anspruchsvolles Programm das architektonische Schmuckstück in einen ergreifenden Klangraum zu verwandeln.

 

Perfekte Harmonie mit Orlando di Lasso

Das von den Domsingknaben, dem Residenzkammerorchester München und diversen Solisten Dargebotene schlug einen weiten Bogen durch die Musikgeschichte. Gerahmt vom unumstrittenen Herrscher sakraler Barockmusik: Bach. Zum Auftakt, in dem traditionell die Männerstimmen der Domsingknaben agieren, erklang auch Orlando di Lasso: Zwei Bußpsalmen und die Missa super nahmen die Zuhörer mit in die Welt der Renaissancemusik. Das Männerstimmenensemble, Solisten und gregorianische Antiphon des Chors vollendeten sich in den Bußpsalmen di Lassos zu perfekter Harmonie. Bis ins kleinste Detail ausgearbeitet, machten die Sänger die Gefühlslagen von Gläubi- gen zwischen Hoffen und Bangen, Angst und Jubel direkt erfahrbar. Dazwischen instrumentaler Hörgenuss: zwei Sonaten der von Bach neu geschaffenen Gattung für Violine und Cembalo mit Reinhard Kammler und Peter Riehm, Konzertmeister des Residenzkammerorchesters.

 

Wolfgang Amadeus Mozart im Festival-Zentrum

Der Domkapellmeister und Domsingknabenchef Kammler verzichtete beim Festival auf Chronologie und stellte den jüngsten seiner erwählten Komponisten-„Giganten" in den Mittelpunkt. Der zweite Abend war zur Gänze Mozart ge- widmet. „Misericordias Domini", bot nach den Herausforderungen der Renaissancemusik abermals die Möglichkeit, absolute Exaktheit und perfekte Feinabstimmung zu zeigen. Und mit dem Requiem in d-Moll setzte Kammler einen glanz- vollen Schlusspunkt, in dem die Knabensolostimmen in Gemeinschaft mit Tenor (Gerhard Werlitz) und Bass (Diogo Mendes) brillierten und der Domsing-Kammerchor Qualität bewies. Mit der Wahl einer Sinfonie, der letzten „Jugendsinfonie" als Instrumentalteil, sprachen die Musiker andere Sinne an, brach- ten neue Aspekte aus Mozarts rei- chem Repertoire.

 

Jubel und Jauchzen zum Finale

Dramatisch schließlich wurde es zum Finale, das den beiden Antipo- den der Barockmusik gewidmet war. Bach, dem protestantischen Kirchenmusiker (Kantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild"), Händel, dem höfisch geprägten Komponisten mit einer Auswahl seiner bekanntesten Instrumentalstücke („Wassermusik"/„Feuerwerksmu- sik"/„Concerto Grosso Nr. 6) und Arien aus dem Messias. Diogo Mendes melodischer Bass und Stefan Steinemanns auch in den höchsten Lagen noch wohlklingender Altus zogen die Zuhörer in die intendierten Gefühlslagen: Trauer und Erregung. Dann die geniale Auflösung: Halleluja. Das Jubeln und Jauchzen in Händels wohl bekanntestem Cho- ral erfüllte wie eine große Erlösung den Raum. Der Begeisterungssturm des Publikums wurde mit einem Dacapo des Halleluja belohnt, das eine beglückte Zuhörerschar entließ.