PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 17.05.2017
ALTE KLAGE, GROßE WERKE
Ein außergewöhnlicher Abend – aufgeteilt zwischen Philharmonikern und Domsingknaben. Und dann gab es auch noch eine deutsche Erstaufführung

Von Stefan Dosch

Immer aufs Neue erzählt werden nur die guten Geschichten, also kann man auch diese gut ein weiteres Mal zum Besten geben. Als der Komponist Gregorio Allegri um 1630 für die römische Kirche sein „Miserere" schrieb, war man ob des herrlichen Stücks im Vatikan schnell der Meinung, dass die Psalmvertonung ausschließlich in der Sixtinischen Kapelle erklingen dürfe. Fortan hütete man die Noten wie einen Schatz und stellte Zuwiderhandlung unter schwerste Strafe. Als jedoch der junge Mozart 1770 das „Miserere" bei seinem Rom-Besuch hörte, hielt er es im Kopf fest und notierte es später.


Mozart war wohl nicht der einzige Musiker, der sich auf diese Weise als Schmuggler versuchte, wie überhaupt in der Geschichte viel Legende steckt. Unumstritten aber ist, dass Allegris „Miserere" bis heute seine Wirkung auf die Zuhörer nicht verfehlt. Das gilt selbst für den Fall, dass der A-cappella-Satz nicht in einem Sakralraum erklingt – gerade das Kalkulieren der Raumwirkung gehört ja zu den hervorstechendsten Eigenschaften der Komposition –, sondern in einem modern-multifunktionalen Ambiente wie dem Saal der Kongresshalle. Reinhard Kammler, Leiter der Augsburger Domsingknaben, beließ seine jungen Sänger für den Allegri freilich nicht sämtlich auf der Bühne, sondern positionierte die eine Hälfte in der Tiefe des Auditoriums, sodass auf diese Weise Doppelchor-Wirkung entstand – und besonders die Hörer oben auf dem Balkon die Anmutung hatten, als wären da „eng(e)lische" Knabenstimmen aus transzendenter Ferne zu vernehmen. Überhaupt gelang das Stück wunderbar, mit einem vom Diskant jedesmal prächtig gesetzten hohen C (dem man im heutigen Neusprech wohl den „Gänsehautfaktor" zuerkennen müsste). Schade eigentlich, dass nicht der komplette Psalm vorgetragen wurde.

Doch auch darüber hinaus zeigten sich die Domsingknaben in der ersten Hälfte des Philharmoniker-Sinfoniekonzerts in glänzender Verfassung. In der polyphon-komplexen, herrlichen ersten Lamentation des Propheten Jeremia von Thomas Tallis ebenso wie in Mozarts unüberhörbar unter dem Allegri-Eindruck verfassten eigenem „Miserere", auch in Samuel Barbers „Agnus dei", das in seiner Urfassung als „Adagio" für Streicher längst ein Hit der Musik des 20. Jahrhunderts geworden ist. Dies und mehr erklang in der für die Domsingknaben typischen stimmlichen Frische, gepaart mit Präzision und Ausdrucksvolumen – auch bei der Zugabe, dem inwendig stillen, anrührend romantischen Liedsatz „Das Morgenrot" von Robert Pracht.


Wieso eigentlich A-cappella-Gesang im Sinfoniekonzert? Weil Augsburgs GMD Domonkos Héja viel von den Domsingknaben hält, wie er gerne zugibt. Und weil für den zweiten Teil des Konzerts die 6. Sinfonie von Mieczyslaw Weinberg aufs Programm gesetzt war, in der zum Orchester ein Knabenchor dazutritt. Da lag es nicht ganz fern, den jungen Sängern, deren Ruf weit über die Stadtgrenzen hinausreicht, ein Stück Konzertpodium zu leihen, zumal sich das vokale Bittgesangs-Programm und der historisch-geistige Kontext von Weinbergs Sechster bestens ergänzten.


Weinberg, der 1919 in Warschau geborene, vor der Wehrmacht tief in die Sowjetunion geflüchtete Jude, der 1996 in Moskau starb: Ein Faszinosum, dass das ungemein reiche Werk dieses Komponisten, der es allein bei seinen Sinfonien auf die erstaunliche Zahl von 22 brachte, in der westlichen Kulturhemisphäre gerade erst entdeckt wird (woran sich maßgeblich auch der Augsburger Violinprofessor Linus Roth beteiligt). Kaum zu glauben auch, dass Domonkos Héja und seinen Philharmonikern jetzt die Ehre zukam, Weinbergs Sechste in Deutschland erstmals aufzuführen – und vollends unerklärlich, wenn man im Konzertsaal hört, dass es sich hier um kapitale Musik handelt.


Weinbergs Komponieren ist nicht zu verstehen ohne die Prägung durch zeitgeschichtliche Ereignisse, die tief ins Persönliche reichten. Die drei Gedichte, die er für seine 1963 entstandene Sinfonie heranzog, geben davon Kunde – eines davon ist ein Klagegesang des jiddischen Dichters Shmuel Halkin, der anhebt mit den Worten: „In rotem Lehm ist ein Grab ausgehoben ..." Und doch findet Weinberg in seiner Sinfonie nicht so sehr drastische als vielmehr elegische Töne. Domonkos Héja übernimmt diese Haltung im getragenen Duktus, in den er die Rahmensätze des Werks taucht, und doch gibt er der Dringlichkeit dieser Musik gehörig Nachdruck durch die klanglich Schärfung jener Momente, in denen musikalische Geschehen kulminiert.


Es ist eine bewegende Aufführung, gerade weil Héja deutlich macht, dass unter den so oft ruhevoll scheinenden Flächen stets eine bohrende Unbehaustheit mitschwingt. Gewiss, es gibt in der Mitte dieses Scherzo, grotesk zwar, aber doch auch wild und lebensprall, eine Orchester-Glanznummer, die von den Philharmonikern blendend exekutiert wird. Und auch die vielen bravourösen Solostellen – die Geige vorneweg – bieten reines Musikvergnügen, einerseits. Die existenzielle Grundierung dieser Sinfonie, die nicht im Tutti-Aplomb endet, sondern in einem „offenen" Schluss, Zeichen des Hoffens, Bangens ... – diese Dimension bleibt bei Héja kontinuierlich vernehmbar. Dirigent, Orchester, Knabenchor, man kann allen Beteiligten nur gratulieren zu dieser Erstaufführung. Und hoffen, dass da noch mehr Weinberg folgen wird.