PRESSE
Süddeutsche Zeitung vom 05.02.2018
KLANGPRACHT
Auftakt der Reihe "Paradisi Gloria"

Von Klaus P. Richter

Es passte, dass draußen wieder Winter herrschte, während drinnen, in der Neuhauser Herz-Jesu-Kirche, Weihnachtgesänge ertönten. Immerhin erstreckt sich die christliche Weihnachtszeit bis Maria Lichtmess. Allerdings sind die elf "Carols" von Benjamin Britten, mit denen die "Paradisi Gloria"-Reihe eröffnet wurde, ohnehin eine ganz subjektive und akzidentielle Sammlung. Zwischen gregorianischem Choral und mittelalterlichen Anonymi kommt sogar ein Frühlingslied vor: Spring Carol. Die Frauenchor-Auswahl des Bayerischen Rundfunkchores brachte seine Stimmung "Wie Tau im April" als Gleichnis der jungfräulich erwählten Gottesmutter mit Andacht zur Geltung, nicht aber ohne allerhand grellem Diskantforte. Dazwischen gab es ein introvertiertes Harfeninterludium von Uta Jungwirth.

Das Weihnachtsambiente beherrschte auch Brittens Variationen "Men of Goodwill" über ein Christmas Carol für Orchester, diesmal mit viel Forte des schweren Blechs. Die Harfe spielte auch in den "Chichester Psalms" von Leonard Bernstein eine wichtige Rolle. Davor aber konnte das Rundfunkorchester des BR unter agiler Führung von Ivan Repušić in einem Glanzstück dunkler, spätromantischer Farbenfülle alle seine Talente vorführen. Mit fast wagnerianischer Klangpracht und delikaten Soloviolinkünsten wurde die "Fantasia on A Theme by Thomas Tallis" für zwei Streicherorchester von Ralph Vaughan Williams zum instrumentalen Highlight des Abends.

Obwohl auch Bernsteins "Psalmen" mit einem massiven Forte-Trubel begannen, wurde die wagnersche Diktion schnell von einem ambivalenten Jargon zwischen Westsidestory-Sound, Harfenarabesken und synagogalem Melos abgelöst. Jetzt konnte auch der komplette Chor des Bayerischen Rundfunks (einstudiert von Florian Benfer) und dem bewegenden Sopranisten Julian Romanowsky von den Augsburger Domsingknaben, beide mit dem hebräischen Text, Klangfülle wie Pianosensibilität zeigen.