PRESSE
Günzburger Zeitung vom 29. September 2014
DIE SCHöNHEIT DES EINFACHEN
Die Augsburger Domsingknaben setzen mit „Bach in Rokoko" wieder einen umjubelten Höhepunkt regionaler Musikkultur. Krönung ist der Auftritt des Opernstars Diana Damrau.

Von Helmut Kircher

 

Ein Höhepunkt regionaler Musikkultur waren die drei Konzerte der Augsburger Domsingknaben bei der Reihe „Bach in Rokoko" in der Günzburger Frauenkirche. Die Zuhörerbänke waren restlos gefüllt.

 

Natürlich, der große Bach ist der Treibstoff, der den Motor des Konditionswunders „Bach in Rokoko" schon seit zehn Jahren am Laufen hält, der die Zuhörerbänke der Günzburger Frauenkirche restlos füllt. Für die einen mag das Anachronismus in Reinkultur sein, wenn sich das Facebook-Zeitalter mit der Barockmusikblütezeit paart, für die anderen ein Ausflug in den Zauber eines Musikgartens, der alles bietet was des Genießers Herz begehrt: mitreißende Orchesterklänge, virtuose Instrumentalsolisten, und vor allem diesen Totaleinsatz jugendlicher Stimmen, die mit expressiver Kantabilität durch alle Steilkurven vertrackter Kontrapunktik jagen. Und natürlich ist es nicht so, dass Johann Sebastian der Große nicht auch andere Götter neben sich haben dürfte. Zumindest nicht solche aus dem Olymp seines zeitlichen Lebensbereiches. Domkapellmeister Reinhard Kammler, ein lupenreiner Bachdenker, ordnet sie ihm bei, gewöhnlich am Eröffnungstag des Dreitagefestivals. Diesmal war es die milde Klanglichkeit gregorianischer Gesänge, war es William Byrds (1543-1623) „Miserere" und Robert Parsons (1530-1570) „Ave Maria" die sich fünfstimmig sanft wogend ins Gemüt wallten, und die erste vollständige und mehrstimmige Messvertonung eines Einzelkomponisten, Guillaume de Machaults (1300(?)-1377) „La Messe de Notre Dame". Bewegtes Fluten, lange Melismen der Oberstimmen, verhaltene Klangmonumentalität. Musikalisch allerdings wenig eingängig. Alles in allem: Kostproben aus einer musikalischen Nische, vom Domkapellmeister – er leitete vom Cembalo aus – kontrastreich Profil gegeben. Licht und Schatten filigran verteilt. Die Männerstimmen und Knabensolisten der Domsingknaben, in immer wieder staunenmachender, porentief reiner Intonationssicherheit die verblüffende Normalität des Besonderen vermittelnd, in uneitler Größe die Schönheit des Einfachen.

Mit Präludien und Fugen für Cembalo aus Bachs wohltemperiertem Klavier leitete Kammler bereits über zum zweiten Tag des Festivals, mit Antonio Vivaldis (1678-1741) „Dixit Dominus" für Soli, Chor und Orchester, seinen melismenangereicherten Knabenstimmen-Arien, festlichen Chorsätzen und orchestral opulentem Glanz und Gloria. Johann Sebastian Bachs Doppelkonzert d-Moll für zwei Soloviolinen und Orchester versetzte dann die Publikumsseele in barockbeschleunigtes Schwingen. Herrlich dieses von Energie und Spielfreude schäumende, freundschaftlich-hitzige Gefecht zwischen zwei Geigen. Mit Präzision und Fingerspitzengefühl fanden sich die beiden Orchestermusiker-Solisten in die vor Fröhlichkeit lodernde Spielkultur ihres eigenen Klangkörpers ein.

Dann ein Schmankerl geistlicher Musik, eine Vokalpreziose im Mozart-Modus: sein Abschied von Salzburg, mit den Psalmvertonungen „Vesperae solennes de confessore" (KV 339) für Soli, Chor und Orchester. Sturm und drängende Tuttiabschnitte, choralhaft anmutende Melodik, ergreifende Amen-Abschlüsse und ein „Laudate Dominum"-Arioso, vom Knabensopran in berückend kantabler Ehre-sei-dem-Vater-Manier gesungen, das Zuhörers Gefühlswelt mit tränennaher Inbrunst durchpulste.

Der Schlusstag schöpfte dann allein aus der Vielfalt des Bachschen Œvres. Beginnend mit der fünfteiligen Choralkantate „Lobe den Herrn" BWV 137, mit bläserbesetztem Orchester, Solovioline und -Oboe, mit vier Vokalsolisten und sanglich aufpoliertem Chor. Lustvoll und souverän setzte das Residenz-Kammerorchester München das Brandenburgische Konzert Nr. IV (BWV 1049) in Szene. Für ein virtuoses Figurenwerk sorgten Solovioline und ein Flötenduo, die mit Presto- und Achtelpassagen meist getrennte Wege gingen, ihre glitzernden Spielfiguren, aber großvolumig in den Zugriff des kraftvoll und kammermusikalisch schlank agierenden Orchesters integrierten. Wie schon seit Jahren üblich, setzte Bachs „Magnifikat D-Dur" (BWV 243), mit prallem Klang und brillant schnittigem Verve, den Schlusspunkt des Konzertgeschehens. Eine klingende Delikatesse. Klar, der Meister wusste, wie man einen erstklassigen Gassenhauer zu schreiben hat, wie man das sündige Leben der fernen Popwelt schon mal vorweg zu nehmen hat. Fünfstimmig stürmende Polyfonie, orchestralsinfonische Wucht, jauchzende Koloraturen, ruhig fließende Poesie. Und alles in straffer Knappheit, ohne den Wohlklang zu verzerren. Jedoch – jubilierende Beifallsfröhlichkeit trägt zuweilen eine Maske. Die einer Schirmherrschaft zum Beispiel, in Form von persönlich anwesendem Opernstar Diana Damrau. Sie hat – das Umfeld wollte es – dem Altmeister am Schluss doch noch so ein bisschen die Schau gestohlen.