PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 01.10.2018
BACH IN ROKOKO - OHNE BACH
KULTUR
Domsingknaben gastieren in Günzburg

Von Helmut Kircher

Günzburg | Bisher firmierte das alljährliche Günzburg-Festival der Augsburger Domsingknaben mit dem Alleinanspruch ihres Hausgottes als „Bach in Rokoko". Dieses Jahr aber schlug das Herz der Frauenkirche allein für Haydn, Mozart und Händel. Ohne Bach. Zugeschrieben ist das „Konzert für zwei Hörner und Orchester" Joseph Haydn, aber – die Fachwelt ist da geteilter Meinung – stammt es auch von ihm? Oder eher von seinem Bruder Michael? Womöglich auch vom Wallersteinschen Haus- und Hofkomponisten Antonio Rosetti?

Die Frage bleibt offen. Das Publikum aber schweigt und genießt. Die beiden Solo-Hornisten Thomas Ruh und Norbert Dausacker schwelgten, von orchestral galoppierendem Trallali-Trallala begleitet, in zündender Blechbrillanz und hornumflortem Jäger- und Jagd-Halali. Warum und zu welchem Anlass Mozart seine Motette „Sancta Maria Mater Dei" schrieb, ist nicht bekannt. Aus den Kehlen von rund 50 Augsburger Sängerknaben strömte sie jedenfalls als lieblicher Wonnesound, im bekannten „Kamm(l)erton" chorisch strenger Noblesse, beflügelt von jugendlicher Natürlichkeit.

Mozarts Sinfonie KV 319 geriet, mit einem hochmotivierten Residenz-Kammerorchester München und Kammler am Pult, zu einem Highlight orchestral purer Sinnlichkeit. Schwelgerische Süße, ohrwurmhaltige Rokokobespaßung direkt aus dem Mozarthimmel. Das Finale des ersten Tages gehörte dann wirklich Joseph Haydn und seiner Nikolaimesse. Mit Händels dreiteiligem, nicht für die Kirche, sondern den Konzertsaal geschaffenen Oratorium „The Messiah" – 1741 in gerade mal dreieinhalb Wochen zu Papier gebracht – stand ein Welthit auf dem Programm des zweiten Festivaltages. Kammler war bemüht, die biblischen Textvertonungen nicht zum schwülstigen Weihestück mit Hallelujageschmack zu verniedlichen – oder zum heroischen Bombast romantisierender Frömmigkeit. Seine Intension gestrafft durchgestylter Reduziertheit, unterstützt vom nuanciert und kontrastreich aufspielenden Residenz-Kammerorchester, offenbarte einen verlebendigten Händel auf barock-irdischen Füßen.

Wohlfühlen durfte man sich mit den Gesangssolisten: mit Stefan Steinemanns beweglich-schlankem Alt, Matthew Swensens tenoral flexibler Stimmkultur und einem Johannes Kammler, dessen stimmliche Fähigkeiten sich von baritonaler Noblesse bis in die Höhe zündender Brillanz spannen. Im konzertanten Mittelpunkt natürlich der Kammerchor, mit vokal-furiosen Freude- und Schmerzensdimensionen auf Du und Du, und sich im Hochfrequenzmodus über alle Fugenhürden hinwegsetzend. Wie auch im „Halleluja"-Jubel und im strahlenden Himmelsglanz-Amen der Schlussfuge. Unterhalten wolle er mit seinem Messiah die Menschen nicht, bekannte Händel einmal, bessern wolle er sie. Auch Händel konnte irren.