PRESSE
Schwäbische Zeitung vom 30. Juni 2015
Johannespassion: Probensituation mit dem Württembergischen Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Manfred Honeck. | Foto: R. Rasemann
EINE PASSION VOLL DRAMATIK UND TIEFE
Von Katharina von Glasenap

Für das Kirchenkonzert am Sonntag in St. Katharina hatte Manfred Honeck die Johannespassion von Johann Sebastian Bach ausgewählt. Wie bereits vor zwei Jahren zu einem Mozartprogramm hatte er den Kammerchor der Augsburger Domsingknaben in der Einstudierung durch Domkapellmeister Reinhard Kammler eingeladen. Mit diesem mit rund 50 Stimmen besetzten Knabenchor, der sich durch einen warmen Gesamtklang mit strahlenden Sopranstimmen auszeichnet, konnte er sowohl die ungeheure Dramatik des Passionsgeschehens als auch den Glanz des Eingangschors und das wunderbar Tröstliche des Schlusschors verwirklichen. In den ganz auf Linie gesungenen und in der Dynamik intensiv gestalteten Chorälen spürte man die Anteilnahme der jungen Sänger und natürlich ihres Dirigenten.

Ein glückliches Händchen hatte man auch bei der Auswahl der Solisten gehabt: Allen voran glänzte der Tenor Maximilian Schmitt mit der sehr leidenschaftlichen, empathischen Gestaltung der Partie des Evangelisten: Wärme, leichte Höhe, gute Sprache und Differenzierungskunst zeichnen ihn aus. Tareq Nazmi stattete die Partie des Christus sehr überzeugend einerseits mit Würde und Autorität, andererseits mit jugendlicher Kraft aus. Christina Landshamer bezauberte wie am Vortag mit Leichtigkeit und Innigkeit. Höhepunkte setzte die wunderbar weiche und leuchtende Altstimme von Alex Potter, dessen „Es ist vollbracht" nach der Kreuzigung und vor der so packenden orchestralen Darstellung des Erdbebens die Hörer in eine ungeheure Ruhe und Tiefe mitnahm.

In bester Leipziger Bachtradition gestaltete Martin Lattke, ein ehemaliger Thomanerchorknabe, die schweren Tenor-Arien. Und auch Krešimir Stražanac differenzierte klar zwischen dem Pilatus (mit metallisch schnarrender Autorität in der Stimme) und den weich schwingenden Bass-Arien. In der spannenden Abfolge von dramatischer Erzählung, betrachtendem Innehalten in den Arien, besinnlichen Chorälen und großen Eckchören gelang Honeck gemeinsam mit diesen fünf Solisten, dem Staatsorchester Stuttgart, seinen zahlreichen Instrumentalsolisten und dem Chor eine tiefgehende, berührende Passionsaufführung zur Mittsommerzeit. Dem eindringlichen Piano des „Ruht wohl" und der verheißungsvollen Zuversicht des „Ach Herr, lass dein lieb Engelein" konnte sich in der sonnendurchfluteten Barockkirche niemand entziehen.