PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 24. März 2015
Matthäuspassion am 22. März 2015 in der Ev.-Hl.-Kreuz-Kirche in Augsburg   |   Foto: Bernhard Gastager
EINE KLINGENDE KATHEDRALE
Matthäuspassion
Die Domsingknaben nehmen die Zuhörer mit auf den Leidensweg Christi
Von Manfred Engelhardt

Es ist der Eintritt in eine klingende Kathedrale - „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen" singen die Chöre und die Wellen der Musik branden dunkel in den Raum. Wenn Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion anhebt, bleibt die Welt draußen und man wird auf dem Leidensweg Christi mitgenommen. Die evangelische Heilig-Kreuz-Kirche war lange schon vor dem Ton der ersten Note gefüllt, ehe Reinhard Kammler und seine Augsburger Domsingknaben, getragen vom Residenz-Kammerorchester München, die Partitur des gewaltigen Werkes zum Klingen brachten.

Aufgeschlagen wie die Seiten eines Buches entfalten sich die jeweils zweigeteilten vokalen und instrumentalen Klangkörper und berichten, erzählen, meditieren und spielen den Passionsweg nach den Kapiteln 26 und 27 des Matthäus-Evangeliums. Es entsteht ein beispielloses Tableau aus unterschiedlichen musikalischen Genres, die sich zwischen den beiden vokal-instrumentalen Szenarien bewegen, sich verzahnen oder sich gesteigert vereinen - von Bach mit meditativer Vision gestaltet und in eine mit rationaler Souveränität ausgewogene Klangarchitektur eingebracht. Es ereignen sich Zuspitzungen mit bildkräftigsten Szenarien („Sind Blitze, sind Donner"; „Er ist des Todes schuldig"; „Und siehe da, der Vorhang zerriss"), die die letzen Stunden des Abendmahls, die Verurteilung, den Hinrichtungsweg, die Kreuzigung und den Tod Jesu dramatisch untermalen, und es sind äußerst subtil umrankte Momente, wenn die aus dem Geschehen heraustretenden Choräle und „reflektierenden" Arien den Passionsvorgang überhöhen, vertiefen und musikalisch ausdeuten.

Chöre, Solisten und Orchester sind hoch gefordert

Hier sind Solosänger, die komplex gestaffelten Chöre und das ebenso spiegelbildlich aufgestellte Orchester mit seinen Solisten und instrumentalen Leuchtpunkten (Oboen, Flöten) hoch gefordert. Eindrucksvoll sind Kammlers Chöre präpariert, die jüngsten zarten Stimmen bis zu den bestens besetzten Männern der Domsingknaben. Und ein ehemaliger Domsingknabe, Gerhard Werlitz, ist ein souveräner Sänger des Evangelisten. Er weiß die dramatischen Elemente oder die schlicht strömenden Erzählungen mit abgestuftem Ausdrucksvermögen seines geschmeidigen Tenors zu deuten, auch in den Arien „Passion" einzubringen. Viele Gesangspaarungen bringen ihn mit den Christus-Partien zusammen. Diesen ist der Bassbariton von Diogo Mendes ein Interpret, dessen gesangliches Charisma tatsächlich eine unirdische Aura begleitet. Später tritt im konträren Charakter die gleiche Stimmlage in den Arien und Rezitativen von Pilatus hinzu: Johannes Kammlers füllig bebende, mit metallischem Glanz getragene Stimme hatte grandiose Wirkung.

Was die zehn Knabensolisten und Soliloquenten aus dem Chor in ihren Arien, vor allem zu den wunderbar stimmungsvollen Oboen-Begleitungen mit den heiklen Aufgaben leisteten, verdient hohen Respekt - ein Originalerlebnis, bedenkt man, wie Bach mit seinen Chorknaben musizierte. Das Residenz-Kammerorchester ist mit den Domsingknaben in langer gemeinsamer Zeit vertraut. Stellvertretend als Solisten erwähnt: In der überragenden Alt-Arie „Erbarme dich" (vom Knaben erstaunlich souverän gesungen) entfaltete Konzertmeister Peter Riehm seinen schlanken, leuchtenden Geigenton. Spirituell vertieft umrankte Hartmut Tröndles Cello den Gambenpart der Bass-Arie „Komm, süßes Kreuz". Im Continuo zog er präzis die Spur. Choräle, das spektakuläre Tableau der Chor-Einsätze, waren unter Kammlers Leitung, der vom Cembalo aus führte, mit durchdachter, inspirierter Disposition ausgebreitet. Nach einer Minute des Schweigens brach der Beifall aus.