PRESSE
Südwest Presse vom 24. Juli 2014
INTERNATIONALE KLASSE:
DIE AUGSBURGER DOMSINGKNABEN
AUGSBURG: Konzerte vor dem Papst und dem Bundespräsidenten, populäre CD-Produktionen:
Die Augsburger Domsingknaben haben sich unter Reinhard Kammler einen hervorragenden Ruf erarbeitet.

Von Jürgen Kanold

Den Tölzer Knabenchor schlugen sie im vergangenen April deutlich - und zwar mit 9:4 bei einem Fußball-Turnier. Aber auch musikalisch haben sich die Augsburger Domsingknaben an die Spitze der Knabenchöre vorgearbeitet.

So produzierte die Deutsche Grammophon wieder eine CD mit den Schwaben: „Die Chorjungen“. Das sind die Knabensolisten Nicolas Schwandner, Jan Enderle und Georg Starz, die mit Fotos und in Videos beworben werden wie eine jugendlich coole Ausgabe der drei Tenöre. Das Trio trat beim Dresdner Opernball auf, in der MDR-Muttertagsshow mit Stefanie Hertel, und Thomas Gottschalk sagte: "Jungs, ihr seid die Zukunft." Für die ZDF-Sendung „Stars von Morgen“ standen die 13 und 14 Jahre alten „Chorjungen“ in Berlin vor der Kamera, mit Rolando Villazón spielten sie Tischfußball. „Tears in Heaven“ in höchsten Tönen, im Engelsstimmen-Sound - das muss man mögen, das ist populäre Musik für den großen Markt. Domkapellmeister Reinhard Kammler verbucht die prominente CD-Aufnahme als „Imagegewinn“. Er ist gewiss kein Crossover-Hero, sondern ein viel gepriesener „Klarton-Fanatiker“, dessen Knaben zunächst mal Palestrina-Messen sauber vom Blatt singen müssen.

Kammler hat den Chor 1976 gegründet, noch als er in München studierte. Wobei Knaben in Augsburg bereits im 15. Jahrhundert den Gregorianischen Choral sangen. Die liturgische Praxis, die geistliche Musik, das bleibt das „Kerngeschäft“ der Domsingknaben, die getragen werden von der Diözese. Dass deshalb die Augsburger Bischöfe gerne ihren Chor auf Reisen schicken und mit ihm renommieren, belegen mehrere Auftritte im Vatikan. Im Büro von Reinhard Kammler hängt ein großes Foto aus der Sixtinischen Kapelle, auf dem die Domsingknaben mit Papst Benedikt XVI. zu sehen sind. In einer „Keimzelle der katholischen Kirche“, erinnert sich der Dirigent, habe man 2009 ausgerechnet das Weihnachtsoratorium des protestantischen Thomaskantors Johann Sebastian Bach gesungen. Die musikalische Welt ist eben grenzenlos. Andere Fotos zeigen Kammler mit Bundespräsidenten aus mehr als drei Jahrzehnten; auch im kommenden Dezember werden die Domsingknaben nach einer USA-Tournee mit Konzerten in San Francisco und Santa Rosa wieder im Berliner Schloss Bellevue auftreten, vor Joachim Gauck und geladenen Gästen. Nur Christian Wulff fehlt in Kammlers Galerie, "aber der war ja auch nur so kurz Bundespräsident", sagt er lachend.

An Konzertanfragen mangelt es nicht. Junge Profis - nein, das sind die Domsingknaben trotzdem nicht. Sie sind zunächst mal Schüler mit einem musikalischen Hobby. „Man muss aufpassen, dass man die Burschen nicht verheizt“, sagt Josef Paul, der Kulturmanager des Chors. Und während andere namhaften Knabenchöre wie die Leipziger Thomaner, die Dresdner Kruzianer oder der Windsbacher Knabenchor ihre Sänger in einem Internat unterbringen, gehen die Augsburger sehr bewusst einen offeneren Weg. Die rund 350 Domsingknaben wohnen zu Hause, führen ein normales Familienleben, haben noch andere Freizeitbeschäftigungen; ein Domsingknabe etwa ist aktuell bayerischer Fechtmeister. Nachwuchssorgen hat der Chor nicht, vielleicht auch deshalb, weil die Eltern ihre Kinder nicht in ein Internat geben müssen. Und die jungen Männer, die nach dem Stimmbruch wieder mitsingen, müssen den Chor nicht nach dem frühen G8-Abitur verlassen. Im Haus St. Ambrosius gegenüber dem Dom, im Herzen Augsburgs, treffen sich die Knaben trotzdem nicht einfach nur ein- oder zweimal wöchentlich zur Stimmbildung und zur Chorprobe. Sie erhalten ein warmes Mittagessen (für drei Euro), werden von einem Pädagogen bei den Hausaufgaben betreut, und kostenlosen Instrumentalunterricht erhalten die Domsingknaben auf Wunsch ebenso.

Auch für die Konzertreisen in die weite Welt zahlen die Eltern nichts - somit finanzieren die Diözese Augsburg, Sponsoren und auch das von Michael Mäser angeführte Kuratorium der Freunde und Förderer den Kindern und Jugendlichen eine umfassende musikalische Ausbildung. Fünfjährige beginnen in der musikalischen Früherziehung. Es gibt Vorchöre, den B- und den A-Chor, die Präparanden, und wer im 24-köpfigen Kammerchor singt, hat Solistenqualität, der beherrscht eine Knabenpartie in der „Zauberflöte“. Diese Jungs sind dann doch Gesangsprofis. Erstaunlich, wie hochkonzentriert sie in einer Probe jede vom Dirigenten Kammler geforderte Nuance sofort umsetzen.

Wie wählt er die besten Sänger aus? Indem er mit ihnen arbeitet. "Wir vermeiden Prüfungssituationen, es wäre tödlich, wenn man im Chor den Schulunterricht wiederholen würde", sagt Kammler: „Wir dürfen nicht überfordern und nicht unterfordern, jeder soll sein Erfolgserlebnis haben.“ Und am Ende stehen zwar „Chorjungen“ prominent im Vordergrund, aber was zählt, ist der Klang des Teams. Das ist ungefähr so wie beim Fußball.

 

Bach, das Gotteslob und „Tears in Heaven“

CD-Aufnahmen   „Die schönsten Lieder aus dem neuen Gotteslob“ haben die Augsburger Domsingknaben schon für eine CD aufgenommen, aber auch im großen Klassik-Geschäft sind sie vertreten. So hat die Deutsche Grammophon mit drei Knabensolisten das Crossover-Album "Die Chorjungen" veröffentlicht - mit Titeln von „Tears in Heaven“ bis  „Der Mond ist aufgegangen“.

Festival   Live zu erleben waren die Augsburger Domsingknaben auch beim Festival „Bach in Rokoko“ in Günzburg vom 26. bis 28. September.