PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 03.03.2016
DIESE MUSIK BERüHRT JEDEN
Augsburger Domsingknaben
Am Sonntag führen sie wieder Bachs Johannespassion auf

Die Augsburger Domsingknaben führen am Sonntag, 6. März, um 16 Uhr in der evangelischen Heilig-Kreuz-Kirche in Augsburg wieder Johann Sebastian Bachs Johannespassion auf. Am Cembalo leitet Domkapellmeister Reinhard Kammler seinen Kammerchor und das Residenz-Kammerorchester München. Als Evangelist singt der Tenor Gerhard Werlitz, als Christus der Bass Alexander Kiechle und als Pilatus der Bass Diogo Mendes.

 

Herr Domkapellmeister, eine große Passion gehört wohl zur Fastenzeit. Warum ist vielen Menschen danach, was löst sie in ihnen aus?

Reinhard Kammler: Meine Domsingknaben verinnerlichen in den Proben zur Johannespassion den religiösen Inhalt der Leidensgeschichte Christi so intensiv, wie es ohne die Beschäftigung mit der Bach'schen Musik sonst sicher nicht der Fall wäre. Die drei unterschiedlichen Textebenen – Evangelium, Ariendichtung und Choräle – nehmen Interpreten und Zuhörer gleichermaßen mit in den hochdramatischen Handlungsverlauf. Niemand kann dabei „außen vor" bleiben. Bachs Musik geht „unter die Haut", macht betroffen und berührt zutiefst.

Die Augsburger Domsingknaben und Sie als ihr Leiter haben einige Routine in Bachs Johannespassion. Schlägt sich das in der Einstudierung nieder?

Kammler: Jede Wiedereinstudierung gestaltet sich immer aufs Neue spannend. Zum einen wechselt die Besetzung der Domsingknaben ständig und beim Studium der Partitur erschließen sich mir immer wieder interessante Blickwinkel für einen neuen Interpretationsansatz. Routine sollte beim Musizieren grundsätzlich nie aufkommen. Treffender ist der Begriff Erfahrung, die jeder Aufführung zu gute kommt. Weihnachtsoratorium, Magnificat, Matthäuspassion, h-Moll-Messe, viele Kantaten und alle Motetten: In der Tat sind mein Kammerchor und ich mit Bach sehr vertraut. Mit der Johannespassion gastierten wir auch schon in Fribourg, in Bologna und in Tokio.

Sie verzichten auf Frauenstimmen und lassen den Knaben den Vortritt. Welches besondere Klangbild versprechen Sie sich davon?

Kammler: Bach hat sein Vokalwerk in den Sopran- und Altpartien für Knabenstimmen geschrieben, nicht nur die Chorpartien, auch die Soli. Knabenstimmen mit Tenor und Bass, das ist bereits seit der Renaissance die klassische Vokalformation schlechthin und daher absolut authentisch. Ich bemühe mich, in Anlehnung an die historische Aufführungspraxis in der Leipziger Thomaskirche dem damaligen Klangbild möglichst nahezukommen.

Die Augsburger Domsingknaben werden 2016 vierzig Jahre alt. Wie schlägt sich das Jubiläum in Ihrem Jahresprogramm nieder?

Kammler: Es sind keine besonderen Festivitäten geplant. Auch im Jubiläumsjahr wollen wir die uns gestellten Aufgaben zuverlässig und bestens erfüllen. Vor allem die Pflege anspruchsvoller und angemessener Vokalmusik für die Liturgie, die im Wechsel mit dem Domchor Woche für Woche im Dom erklingt. Den „runden" Geburtstag der Augsburger Domsingknaben feiern wir konzertant im Rahmen unseres Festivals „Bach in Rokoko" am letzten Septemberwochenende in der Günzburger Frauenkirche. Bachs Hohe Messe h-Moll wird dabei im Mittelpunkt der drei geplanten Konzerte stehen.

Warum sprechen Sie eigentlich von einer „Wieder-gründung"?

Kammler: Die Vorgänger der Augsburger Domsingknaben, die sich im Bezug auf den Mariendom „Marianer" nannten, wurden erstmals 1439 urkundlich erwähnt und hatten Bestand bis etwa zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhun- derts. Erzbischof Josef Stimpfle hatte im Oktober 1976 mir, dem Kirchenmusikstudenten, auf Anregung des damaligen Domkapellmeisters Rudolf Brauckmann das Vertrauen geschenkt, die lange Tradition von Knabenstimmen am Augsburger Dom wieder neu zu beleben.