PRESSE
Günzburger Zeitung vom 04.10.2017
DIE TRäNE HINTER DEM LACHEN
Wie Bach in Rokoko in der Günzburger Frauenkirche zum Abschluss kam und
warum es zur reinen „Schubertiade“ wurde

Von Helmut Kircher

Das Abschlusskonzert Bach in Rokoko in der Frauenkirche stand ganz im Zeichen von Franz Schubert.

Um nichts zu suchen, ging Franz Schubert in Dur und Moll so vor sich hin – und fand dabei die wunderschönsten Melodien. Das Abschlusskonzert Bach in Rokoko in der Günzburger Frauenkirche brachte genussvoll die frühromantische „Wander"lust des genialen Melodienerfinders zu Gehör, vokal von Kammerchor und Solisten der Augsburger Domsingknaben und instrumental vom Residenz-Kammerorchester München, geleitet von Domkapellmeis-ter Reinhard Kammler.

Gewidmet war dieser letzte Festivaltag dem im vergangenen Jahr verstorbenen, langjährigen Freund und Förderer „seiner" Augsburger Domsingknaben, Kurt F. Viermetz, dessen erklärter Lieblingskomponist Schubert war. Mit feierlich majestätischer Klangfülle setzt sich sein Graduale „Benedictus es, Domine" für Chor und Orchester (D184) an den Anfang des dritten Festivaltages. Trotz des homophon schlichten Satzes, den er, gerade mal 19-jährig, praxisorientiert für seinen Gemeindechor schnell mal aufs Papier gebracht hat – spürt man darin nicht schon den leichten Anflug eines alles umarmenden Weltschmerzes? Der dann allerdings in einem angehängten, kontrapunktisch gesetzten Halleluja-Choral in geradezu schwerelose Unbekümmertheit mündet. Die herrscht in seiner ein Jahr später vollendeten 5. Sinfonie (D 485), seiner kürzesten, vom ersten Takt an. Manchmal mehr, manchmal weniger gezügelt. Allgemein als wahres Schmuckstück frühromantischer Literatur empfunden, urteilen andere: zu sehr vermozartet. Domkapellmeister Reinhard Kammler am Pult des mit animierender Frische und lustvoller Hingabe agierenden Residenz-Kammerorchesters München ist um das Machbare bemüht, um eine innere Logik. Bügelt nicht gegen den Strich, sondern glättet alle Falten zerknitterter Seelensüße. Lässt so viel Mozart wie nötig zu und so viel Schubert wie möglich. Freundlich, voller Licht und Leichtigkeit, fast so etwas wie ein tröstlich filigranes Psychogramm, so stellt sich die sinfonische Einführung dar.

Der Andante-Satz trägt romantisch ausdrucksvolle Züge, mit einem schwermütigen Dialog, den Geigen mit Oboe und Flöte führen. Das Menuett, das eigentlich keines ist, betont nicht das tänzerische Element, sondern setzt Akzente ironisch eleganter Aufmüpfigkeit, lieblich, wienerisch mit in Watte gepackter Volksliedhaftigkeit, die im Finale zur flott dahineilenden happy music wird, mit schwärmerisch ausgeprägtem „Spring ins Feld" Potenzial.

Das weite Feld von Glaube, Liebe und Hoffnung brachte der zwar gläubige, aber nur reduziert religiöse Franz Schubert in vielen kleineren Sakralkompositionen und zwei großen Messen in As- und Es-Dur zum Ausdruck. Seine Messe in C-Dur für Soli, Chor und Orchester (D 452) ist eine Missa brevis, eine kleine Messe. Eine Auftragskomposition für seine Heimatgemeinde, die Lichtertaler Pfarrkirche. Geschrieben ebenfalls im jugendlichen Alter von 19 Jahren. Orchester, Chor und vier Gesangssolisten teilen sich in der Aufgabe, schubertsche Sakralrhetorik mit seiner romantisch lyrischen Weltsicht zu vereinen.

Mit breit angelegt in den großen Raum gestellten Gesangslinien des Kyrie, im von archaischem Klangritual bis verletzliche Verlorenheit durchdrungenen Gloria, dem innig weichgebetteten Credo – inklusive des Weglassens von Glaubenssätzen, die Schuberts zeitgeistigem Rebellentum entsprachen –, dem lichtvoll durchfluteten Benedictus mit seinen volksliedhaft aufgetupften Gefühlseinschüben und einem in versandendem Herzschlag von Gesangssolisten verklärten und umseufzten „Dona nobis pacem".

Und wer tief ins Innere blickte, konnte sie hören, die Träne hinter dem Lächeln.