PRESSE
Süddeutsche Zeitung von Helmut Mauró
Generalprobe beim Festival Herrenchiemsee 2014.
SCHWäBISCHE AUFSTEIGER
Die Augsburger Domsingknaben beim Festival Herrenchiemsee

Je weiter man von Prien aus hinaus schippert in den Chiemsee, desto stiller wird die Umgebung, desto ruhiger schlägt auch der eigene Puls. Man fragt sich, was die Mönche und Nonnen vor tausend Jahren empfunden haben mögen, als sie damals über den See fuhren, um die beiden Hauptinseln zu besiedeln. Es muss eine Mischung aus prickelnder Abenteuerlust und frommer Ekstase gewesen sein, und ein bisschen davon blitzt auch aus den Augen des Domkapellmeisters Reinhard Kammler, der mit seinen Augsburger Domsingknaben auf dem Oberdeck des Ausflugsschiffs sitzt und die Fraueninsel im Blick hat, die es im Rahmen des Herrenchiemsee-Festivals musikalisch zu erobern gilt.

Vor 36 Jahren, als Student der Kirchenmusik, hat er den Chor gegründet. Die Anregung kam damals von dem reformfreudigen Bischof Josef Stimpfle, der sich trotz seiner Begeisterung für das Zweite Vatikanische Konzil eine Kirchenmusik in altehrwürdiger Tradition wünschte. Heute ist der Augsburger Dom eine der ganz wenigen Kirchen in Deutschland, in der die Blütezeit der Vokalpolyphonie im normalen Kapitelamt gepflegt wird. Die Knaben singen Messen aus dem 15. Jahrhundert, von Komponisten, die nur noch Fachleute kennen: Antonio Lotti, Claudio Crassini, Giovanni Giacomo Gastoldi, Johannes Mangon, natürlich auch von den bekannten Meistern Giovanni Pierluigi da Palestrina und dem Münchner Großmeister Orlando di Lasso.

Es gibt beeindruckende Aufnahmen mit Messen von Hans Leo Hassler, aber nicht in jedem Detail meistern die Knaben die alte Musik perfekt. Die kunstvoll verschlungenen Einzelstimmen, die sich immer wieder zu möglichst reinen Akkorden treffen, verlangen außerordentliche Konzentration. Damit Intonation, Strahlkraft, Stimmfärbung und Textdeklamation optimal zusammenstimmen, muss viele Jahre trainiert werden. Kammler orientiert sich dabei eher an den noch vorhandenen englischen Kathedralchören, bei denen er in seiner Studentenzeit hospitiert hat. Diese pflegen, bis auf ein paar Ausnahmen, einen eher flächig-ätherischen, leicht verhauchten Diskant, dessen unschuldiger und manchmal auch intonatorisch leicht verrutschter Klang die neugotischen Deckengewölbe so himmlisch vernebelt, dass sich auch der Zuhörer ein bisschen erhoben fühlt. Die kräftig-klare, wirklich erst dreidimensionale Bruststimme, wie sie bis vor wenigen Jahren die Tölzer Knaben bis zur Perfektion trieben, heißen dort eher verächtlich „continental sound".

Aber davon will Kammler eigentlich nichts wissen, von vermeintlichen Kennern und Kritikern hält er ohnehin nicht viel. „Da lese ich von Jesus-Arien in der Johannespassion – das zeigt doch schon die ganze Inkompetenz", sagt Kammler, und seine Augen leuchten triumphal. Nichts scheint diesem verschmitzten Blick zu entgehen, außer vielleicht die Ironie des Kritikers. Aber Ironie, diese lustig-listige Schwester der Lüge, passt auch nicht zu einem Domkapellmeister, der in täglicher geistiger Kärrnerarbeit der Jugend nicht nur musikalisch, sondern auch moralisch auf die Sprünge hilft. Wenn man in Augsburg gelebt hat, kennt man die grundsolide schwäbische Lebenshaltung, in der es nicht nur um Fleiß und materiellen Zuwachs gehen muss, sondern generell um ein gelungenes Leben.

Jeder ist moralisch verpflichtet zu tun, was ihm nur möglich ist; dann muss er sich auch nicht vor anderen klein machen. Kammler sagt öfter an diesem Abend, dass man seinen Chor nicht mit anderen vergleichen müsse; es sei doch Platz für alle. Tatsächlich wäre sogar Platz für noch viel mehr Knabenchöre in Bayern, in Passau, Würzburg, Freising könnten sie traditionsbewusst agieren. Aber zum einen kämpfen schon die vorhandenen Chöre mit Nachwuchssorgen, obgleich dies alle Chorleiter bestreiten, zum anderen gibt es unter Musikern, und ganz besonders unter Chören, einen ausgeprägten Sportsgeist. Und wenn keine musikalischen Gegner zur Verfügung stehen, wie zum Beispiel während der Ferienlager, dann werden innerhalb des Chores Fußballmannschaften gebildet, die gegeneinander antreten.

Der Chorleiter aber hält es lieber mit dem Johannes-Evangelium: „In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Die aufstrebenden Jungen denken dabei wohl eher an ein Penthouse, ganz oben, wo man niemanden mehr über sich hat. Mit dieser später so schwer wieder herzustellenden Mischung aus Unbekümmertheit, Gelassenheit und Zuversicht marschieren sie in den Altarraum des Inselmünsters, einer barock nachgebesserten alten Kirche mit karolingischem Fundament und einem Netzrippengewölbe aus dem 15. Jahrhundert. Man steigt sanft hinab auf ein schweres hölzernes Tor zu, bevor man sich mit einem Schlag im reich verzierten, vielfach gold glänzenden Kirchenraum wiederfindet. Das Münchner Kammerorchester hat den Altarraum schon weitgehend besetzt, stimmt seine Instrumente, mit denen es später unter Leitung des Alte-Musik-erprobten Konrad Junghänel ein bisschen originale Klangkultur probiert; es wird beim Versuch bleiben. Doch bevor es zu Antonio Vivaldis „Dixit Dominus" geht und zu Wolfgang Amadeus Mozarts „Vesperae solennes de Confessore" und der Countertenor Terry Wey mit traumhaft sicherer Stimmtechnik und betörendem Klang brilliert, steht das „Magnificat" des süddeutschen Renaissance-Meisters Leonhard Lechner auf dem Programm.

Natürlich ohne Orchester, natürlich in der souverän geführten Mehrstimmigkeit eines ausgezeichneten Kammerchores mit auffallend gut klingenden Männerstimmen. Das liege an der sorgsamen Stimmbildung im Knabenalter, wird Kammler später stolz erzählen. „Bei uns werden keine Stimmen kaputt geprobt." Zu diesem Zeitpunkt sitzt der Domkapellmeister endlich entspannt beim Bier, hat seinen Frack abgelegt, den er ohnehin für ein Kirchenkonzert sehr unpassend fand. Die Festivalleitung aber wollte es so, und wegen Stilfragen bricht ein Schwabe keinen Streit vom Zaun.

Von Helmut Mauró

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