PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 29. September 2014
DAS IST DER WEG ZUM DOMSINGKNABEN-ERFOLG
Bach in Rokoko
Das Günzburger Festival mit bekannt hohem Anspruch – und die Voraussetzungen dazu

Von Manfred Engelhardt

 

Augsburg/Günzburg Wer die Augsburger Domsingknaben hören will, dem stehen Oratorium- und Vokalkonzerte, die samstägliche Kirchenmusik „Cantate Domino" im Augsburger Dom, Theater-Auftritte einzelner Knaben in Opern und zahlreiche CDs zur Verfügung. Wer aber den Chor richtig kennenlernen will, live und persönlich, besucht das dreitägige Festival „Bach in Rokoko" in der Günzburger Frauenkirche, quasi eine Spätsommer-Residenz.

Die Programme dort führen exemplarisch vor, welchen Weg ein Domsingknabe gehen muss, bis ein Festival mit derart hohem künstlerischem Anspruch gelingen kann. Mit fünf Jahren steigen die Jüngsten ein in die musikalische Früherziehung, ge-„scoutet" von erfahrenen Musikpädagoginnen, die Talente in Familien und Schulen finden. Chor-Chef Reinhard Kammler kann sich derzeit nicht über mangelndes Interesse beklagen. Aus einem „Langzeiteindruck" von zwei Jahren ist dann feststellbar, wer weiter machen wird im Institut der Domsingknaben, das keinen Internatsbetrieb ausrichtet, sondern offene, ministeriell anerkannte Nachmittagsbetreuung.

 

Betreuung und Motivation sind wesentlich

Dabei steht in diesen zwei Jahren keinesfalls Stimmdrill im Vordergrund, vielmehr wird mit Bewegungsspielen und Malen an der Tafel behutsam an die Musik herange führt. Der Vorchor legt dann die Basis für Kanon- und mehrstimmiges Singen. Individuelle Betreuung, Motivation, „Erfolgserlebnisse" führen in den B-Nachwuchschor. Anschließend ist der Status des etwa zehnjährigen Präparanden erreicht – Einstiegsstufe zur Konzertfähigkeit.

Am ersten Günzburger Festivalabend nun, der a cappella nur den Sängern vorbehalten war, konnte man erleben, wie vier Präparanden Bachs gefühlvolle Schemelli-Lieder mit mutiger Sorgfalt zu gestalten wussten – ein authentisches, den Kinderstimmen angemessenes Erlebnis. In dem Konzert wurde aber auch vorgeführt, zu welchem Potenzial die letzte Ausbildungsstufe, der Kammerchor, führt. Diesen Teil bestritten die Männerstimmen. Kammler entfesselte mit ihnen die unglaubliche Expressivität der „Messe de Nostre Dame" von Guillaume de Machault (1300 – 1377). Es war eine „Inszenierung" dieser polyfonen, die Linearität des gregorianischen Chorals sprengenden Urgewalt, die zu fast „modernen" Ausdrucksexzessen führte. Vier Solisten verbanden sich mit dem Ensemble in faszinierendem Dialog. Die Renaissance-Zeitgenossen Byrd und Parsons ergänzten den polyfone Vokalgenuss.

Der Weg zu den Männerstimmen führt natürlich über die heikle Zeit des Stimmbruchs. Den Mutanten ist besondere Zuwendung gewiss. Sie lautet bei Reinhard Kammler: „Bei Stimmbruch ist Pause. Da wird nicht gesungen oder forciert, ein Jahr einfach die Klappe halten..." Die Phase, wenn Kopf- und Brust- stimmenregister noch nicht organisch ineinander gleiten können, muss geduldig hingenommen werden. Lehrprogramme für Mutanten halten ihn im Verbund der Domsingknaben. Musikgeschichtliche und liturgische Unterweisung, das Kennenlernen der Epochen, nicht zuletzt instrumentale Angebote machen ihn mit der europäischen Musikkultur vertraut. Und so waren im zweiten und dritten Konzert instrumentale Partner erfolgreich eingebunden. Seit Jahren ist es das brillante Münchner Residenz-Kammerorchester, das die Domsingknaben begleitet – und heuer zusätzlich Bachs Doppelkonzert für zwei Violinen sowie das 4. „Brandenburgische" zum Erlebnis machte. Vor dem abschließenden reinen Bach-Programm glänzte am Samstag der nun auch mit den Knabenstimmen perfektionierte Kammerchor in Vivaldis bildstarkem „Sixit Dominus" und Mozarts „Vesperae solennes de confessore" – Werke in denen mutige und starke Vokalfarben wie auch Mozart'sche opernhafte Brillanz geboten wurden. Reinhard Kammlers Credo kam zum Klingen: Die Leichtigkeit, die unangestrengte obertonreiche Feinheit, wie sie die legendäre englische Singkultur pflegt. Günzburg feierte seine Lieblinge.