PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 21.12.2016
LEICHTEN SCHRITTES EILEN SIE ZUR KRIPPE
Lichtvolles Weihnachtsoratorium der Augsburger Domsingknaben in ev. Heilig Kreuz

Von Ulrich Ostermeir

Weihnachten öffnet ein Zeitfenster: In zwölf Tagen reihen sich die weihnachtlichen Festtage, die J. S. Bach in seinem Weihnachtsoratorium in einen liturgischen Rahmen stellte. Diese sechs Kantaten führten jetzt die Augsburger Domsingknaben en bloc auf: Weihnachten als pointierte Verdichtung, die Ausführende wie Zuhörer gleichermaßen forderte. Von der Geburt im Stall über die Hirten hin zur Namensgebung und zu den drei Weisen spannte sich der Bogen weit, den in Heilig Kreuz der hellwache Kammerchor, das transparente Residenz-Kammerorchester München, dazu feinnervige Instrumental- und Vokalsolisten beschwingt ausschritten. Voller Elan gelang Domkapellmeister Reinhard Kammler, souverän am Cembalo leitend, eine begeisternde Interpretation. Hellhörig machte der jugendfrische Kammerchor, von den Präparanden auf eine breite Plattform gestellt. Das zeitigte ein obertonreiches Klangbild, von Tenor und Bass feinsinnig fundiert. So klangen die Eingangs-Chorsätze als prächtige Portale auf und rückten dank des stilvollen Residenzorchesters in gleißendes Trompetenlicht.

Diese „Jauchzet-Preiset-Rühmet"-Freude stieg ebenso schwerelos wie vielstimmig hoch. Die pastorale Weihnachtssinfonia dagegen berückte als alternierendes Licht-und-Schatten-Spiel. Von diesen Festportalen führte der Weg zur Krippe: Der authentische Ansatz der Knabensolisten wies die Richtung, Tenor Gerhard Werlitz und Bass Diogo Mendes, vokale Körperschwere meidend, schlossen sich trefflich kurz, sodass keine Bruchlinien aufrissen. Dieser spirituelle Ansatz stieg in die Höhe, ohne die Raumtiefe durchweg auszufüllen. Das führte zu lichten Momenten: Felix Zilmans zarter Alt klang in beiden Arien engelshaft, Sopran Julian Romanowsky verkündete Engelsfreude, während Maximilian Mannel im Wiegenlied berührte.

Homogen im Sopran-Bass-Duett vereint, gestalteten Valentin Wohlfahrt und Mendes „Herr, dein Mitleid". Als Evangelist ging Werlitz in seiner Rezitativ-Rolle voll auf und spornte als Solist in kunstvollen Melismen die Hirten an, leichten Schrittes zur Krippe zu eilen. Besinnliche Schwerpunkte bildend, begannen die kontemplativen Choräle zu faszinieren, vom Chor nuanciert in religiöses Licht gerückt. In der Atempause zwischen den Teilen bekam das zuerst volle Kirchenschiff Lücken. Dabei sollte der zweite Teil verblüffen, denn Reinhard Kammler glückte eine fulminante Steigerung, die dramaturgisch auf Kulmination abzielte. Beflügelt wurde musiziert: raumfüllend der Lobpreis, im Rezitativ und Choral für Sopran und Bass brachten Lukas Schedlbauer und Mendes Pathos ins Spiel, unterbrochen von der Echo-Arie, die Christopher Thiel und Marcel Philippin raumtief ausloteten. Werlitz' tenorales Melismen-Filigran der Arie „Ich will nur Dir zu Ehren" festigte der aufstrahlende Choral. Grandios gesteigert, zeugte der Vivace-Chor „Ehre sei dir Gott" von jener schwerelosen Jubelhelle, von jenem rhythmischen Elan, der mitreißt. Von dieser Sogwirkung erfasst, bat auch Mendes als Bass inständig um Erleuchtung, während insbesondere Sopran Vincent Löffel wiederholt mit leuchtender Höhe aufhorchen ließ. Zuletzt standen alle ergriffen „an deiner Krippen hier".