PRESSE
Augsburger Allgemeine vom 23.09.2019
Foto: Ulrich Wagner
REINHARD KAMMLER HöRT AUF: EIN LEBENSWERK NEIGT SICH ZUM ENDE
Domkapellmeister Reinhard Kammler steht seit mehr als 40 Jahren an
der Spitze der Augsburger Domsingknaben. Jetzt bestreitet er mit dem
Chor sein letztes großes Konzert.
Von Stefan Dosch

So ist das, wenn man seinen Abschied verkündet. Auch wenn es noch Monate hin ist bis zum tatsächlich letzten Arbeitstag, gilt man in breiter Wahrnehmung doch schon als Ehemaliger. Seitdem im Frühjahr öffentlich wurde, dass Reinhard Kammler sich in den Ruhestand verabschieden wird, wurde der Augsburger Domkapellmeister bereits wiederholt als Pensionist begrüßt. Und musste klarstellen: „Moment, ich bin noch da!" Um genau, zu sein, bis zum 31. Dezember, wenn er in der Jahresschlussandacht letztmals seinen Dienst versieht.

Mit Reinhard Kammler, der noch in diesem Jahr 65 wird, geht ein Mann, dessen Name sich untrennbar mit einer Institution verbindet, die zum kulturellen Aushängeschild nicht nur des Doms, sondern der ganzen Stadt und der Diözese geworden ist: den Augsburger Domsingknaben. Als blutjunger Mann hat er den Chor 1976 gegründet und ihn über vier Jahrzehnte nach seinen Vorstellungen geformt. Zu einem Knabenchor, der durch seinen transparenten, seidig schimmernden Klang betört und der heute einer der besten seiner Art in Deutschland ist.

Die Domsingknaben sind Kammlers Lebenswerk

Das gelang Kammler ganz ohne Internat, wie es bei vielen anderen Knabenchören der Fall ist, wohl aber mithilfe eines Ausbildungssystems, in dem die individuelle Zuwendung zur Einzelstimme den didaktischen Kern ausmacht. Früh erkannte sein Arbeitgeber, was er an Kammler hatte, und so ließ der damalige Bischof Josef Stimpfle Mitte der 80er Jahre das am Dom gelegene Haus St. Ambrosius für die Zwecke der Domsingknaben herrichten. Inzwischen ist es Bildungsstätte für 350 junge Menschen, vom fünfjährigen Knaben bis zum Sänger im jungen Mannesalter. Bischof Konrad Zdarsa übertrieb nicht, als er die Domsingknaben als Kammlers „Lebenswerk" bezeichnete. Schon bald nach der Gründung des Chors stellten sich für den gebürtigen Augsburger Erfolge auch außerhalb der Stadt ein. Erst wurden die Domsingknaben in München wahrgenommen und vom Rundfunk, vom Gärtnerplatztheater und von der Staatsoper verpflichtet. Dann weitete sich der Radius, kam in ganz Deutschland und darüber hinaus eine Vielzahl von Opernhäusern dazu, die für Produktionen wie Mozarts „Zauberflöte" Knabenstimmen benötigten. Und seit langem fragen nun schon Stardirigenten wie Jansons, Gergiev oder Nagano bei den Domsingknaben an, wenn sie für eine Mahler-Sinfonie oder Brittens „War Requiem" einen Knabenchor zu besetzen haben. Wie beim Schneeballsystem multiplizierte sich der Ruf der Augsburger Sänger, Plattenfirmen wollten sie haben und Konzerteinladungen aus aller Welt flatterten auf den Tisch des Domkapellmeisters.

Zentrum der Arbeit liegt in der liturgischen Musik

So reizvoll es für Kammler war, „all diese Partituren zu studieren" aus Oper und Konzert, bildete doch die liturgische Musik das Zentrum seiner Arbeit. Nicht nur, weil der Chor in kirchlicher Trägerschaft steht; es spiegelt sich darin auch eine Grundüberzeugung Kammlers. Die Kirche, sagt er, habe in weiten Bereichen unsere abendländische Kultur ermöglicht und weitergetragen. An eben diese Tradition habe er nachwachsende Generationen heranführen wollen. Dass dabei über die Einübung sakraler Musik zugleich religiöse Gedanken vermittelt werden, sieht der Domkapellmeister als einen doppelten Gewinn. Wobei es für ihn, wie er versichert, nie im Vordergrund stand, in welchem Maße seine „Buben" auch tatsächlich gläubig waren. Apropos Buben. Natürlich kam auch der Leiter der Augsburger Domsingknaben immer wieder mal einer Frage nicht aus, die gerade in den letzten Wochen wieder für Schlagzeilen sorgte – der Frage, warum der Chor denn ausschließlich für Knaben zugänglich sei. „Meine Tochter", erzählt Kammler, „hat mir einst schwere Vorwürfe gemacht, weil ich sie nicht habe mitsingen lassen, während beim Tölzer Knabenchor die Tochter des Leiters genau dieses durfte." Aber Kammler hatte da stets eine klare Haltung: „Die Knabenstimme klingt anders als die Mädchenstimme", sagt er und hebt noch einmal hervor: „Anders, nicht besser!" Zudem sieht er die Formation des Knabenchors als einen kulturellen Bestand, den es zu erhalten gelte.

Ab 2020 leitet Stefan Steinemann die Domsingknaben

Kammlers Nachfolger steht bereits fest, er selbst hat sich für Stefan Steinemann, einen ehemaligen Domsingknaben, stark gemacht. Schon vor dem offiziellen Amtsantritt wird Steinemann in diesem Jahr den Knabenchor durch Bachs „Weihnachtsoratorium" führen. „Natürlich fällt mir der Abschied nicht leicht", gibt der noch amtierende Domkapellmeister zu und blickt dabei auf die zahlreichen gerahmten Fotos in seinem Arbeitszimmer – dokumentierte Höhepunkte seiner Laufbahn mit Besuchen bei Bundespräsidenten und Päpsten. Wobei für ihn der Auftritt vor Papst Benedikt XVI. in der Sixtinischen Kapelle im Jahr 2009 den absoluten Spitzenplatz einnimmt. „Aber man muss auch rechtzeitig aufhören können", das stand für ihn schon lange fest, auch in Anbetracht der Querelen, die andere Chöre mit dem Generationswechsel haben. Kammler hat sich für einen Abschied in Etappen entschieden. Wie gesagt, das „Weihnachtsoratorium" hat er schon abgegeben, die traditionellen Weihnachtskonzerte mit den Knaben am letzten Adventswochenende leitet er aber noch selbst. Mit Domchor und Domorchester gibt es am 9. November noch das Mozart-Requiem. Das letzte große orchesterbegleitete Konzert mit den Domsingknaben aber findet bereits am kommenden Wochenende mit dem „Messias" von Händel statt. Kammlers Sohn Johannes wird dabei eine der Solistenpartien übernehmen. Das, sagt der Vater, habe er sich fürs nächste Jahr auf jeden Fall vorgenommen: Die Karriere seines Sohnes – der Bariton ist Ensemblemitglied der Staatsoper Stuttgart – stärker zu verfolgen und ihm zu dem einen oder anderen Konzert hinterherzureisen. Auch Museen will er künftig häufiger besuchen. Jedenfalls, versichert Reinhard Kammler mit heiterer Miene, sei ihm für die Zeit nach seinem Abschied nicht bange.